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Erneut hunderte Festnahmen in Frankreich - Krawalle flauen jedoch ab
Die Krawalle in Frankreich nach dem tödlichen Schuss eines Polizisten auf einen 17-Jährigen haben in der fünften Nacht der Proteste nachgelassen. Zwar kam es auch in der Nacht zum Sonntag in mehreren Städten zu Unruhen, doch war das Ausmaß der Gewalt nach Behördenangaben geringer als in den Nächten zuvor. Für Entsetzen sorgte ein Anschlag auf das Haus eines Bürgermeisters nahe Paris.
Das Innenministerium meldete am Sonntag 719 Festnahmen, rund 600 weniger als in der Nacht davor. Die meisten der Festgenommenen hatten demnach Gegenstände bei sich getragen, die als Wurfgeschosse oder Waffen hätten dienen können. 577 Fahrzeuge und 74 Gebäude wurden in Brand gesetzt, sowie 871 Feuer auf Straßen und Plätzen gezählt. Landesweit wurden laut den vorläufigen Zahlen 45 Polizisten und Gendarmen verletzt und über 20 Polizeiwachen und Gendarmerie-Kasernen angegriffen.
Verglichen mit den Ausschreitungen in den Vornächten war das Ausmaß der Gewalt laut den Behörden jedoch geringer. "Ruhigere Nacht, dank des resoluten Einsatzes der Ordnungskräfte", schrieb Innenminister Gérald Darmanin im Onlinedienst Twitter.
Für Entsetzen sorgte ein nächtlicher Anschlag auf das Haus des Bürgermeisters der im Großraum Paris liegenden Gemeinde L'Haÿ-les-Roses, Vincent Jeanbrun. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen "Mordversuchs".
Nach Angaben des zuständigen Staatsanwalts Stéphane Hardouin drang ein brennendes Fahrzeug gegen 01.30 Uhr auf das Gelände des Hauses vor. Offenbar sollte es das Haus in Brand setzen, doch wurde es laut dem Staatsanwalt von einer kleinen Mauer gestoppt. In dem Fahrzeug wurde demnach später eine Cola-Flasche mit "Brandbeschleuniger" gefunden.
Zu dem Zeitpunkt hielt sich Jeanbrun wegen der anhaltenden nächtlichen Unruhen im Rathaus auf, doch seine Frau und seine beiden fünf und sieben Jahre alten Kinder schliefen in dem Haus. Sie flüchteten in Panik, auf der Flucht brach sich die Frau laut dem Staatsanwalt ein Schienbein.
Premierministerin Elisabeth Borne sprach von einem "unerträglichen Vorfall". Am Nachmittag besuchte Borne mit Innenminister Darmanin und weiteren Kabinettsmitgliedern den Tatort. Die Vereinigung der Bürgermeister Frankreichs rief für Montag zu Solidaritätskundgebungen vor allen Rathäusern des Landes auf.
Unterdessen wurde bekannt, dass ein Polizist im südfranzösischen Nîmes einen Schusswaffenangriff in der Nacht zum Samstag nur dank seiner kugelsicheren Weste überlebt hatte.
Die anhaltenden gewaltsamen Unruhen stürzen Präsident Emmanuel Macron nach den Protesten der Gelbwesten und gegen seine Rentenreform in eine weitere schwere Krise. Am Samstag sah sich der Präsident gezwungen, seinen ab Sonntag geplanten Staatsbesuch in Deutschland abzusagen. Stattdessen setzte er für Sonntagabend eine Krisensitzung mit Premierministerin Borne, Innenminister Darmanin und Justizminister Éric Dupond-Moretti an. Zudem wurde ein ständiger Krisenstab der Regierung eingerichtet.
Regierung und örtliche Behörden hoffen, die anhaltenden gewaltsamen Ausschreitungen mit Hilfe des Einsatzes von zehntausenden Sicherheitskräften, der Absage von Großveranstaltungen und einem abendlichen Stopp des öffentlichen Verkehrs in den Griff zu bekommen. Zahlreiche Städte und Gemeinden verhängten darüberhinaus eine nächtliche Ausgangssperre.
Nach Online-Aufrufen zu Krawallen im Zentrum von Paris herrschte in der Nacht zum Sonntag auf dem Prachtboulevard Champs Elysées massive Polizeipräsenz, wie eine Journalistin der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Kleine Gruppen von in Schwarz gekleideten jungen Männern liefen unter den Augen der Polizisten an den Geschäften entlang, die durch Gitter und Holzbretter vor Plünderungen geschützt waren.
Später in der Nacht lösten die Sicherheitskräfte dort die letzten verbliebenen Protestgruppen auf. Auch in Marseille lösten die Einsatzkräfte Ansammlungen junger Menschen im Stadtzentrum rasch auf.
Auslöser der Unruhen war der Tod von Nahel M., der am Dienstag von einem Polizisten bei einer Verkehrskontrolle in der Pariser Vorstadt Nanterre erschossen worden war. Der 17-Jährige, dessen Familie aus Algerien stammt, wurde am Samstagnachmittag in seiner Heimatstadt Nanterre unter Ausschluss der Medien bestattet. Der mutmaßliche Schütze befindet sich in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Totschlags gegen ihn.
Der Tod des 17-Jährigen sorgte vor allem bei der Jugend in den Trabantenstädten Frankreichs für heftige Wut, die sich aufgrund ihrer Herkunft von Gesellschaft und insbesondere der Polizei diskriminiert sehen. Sie sind besonders häufig Zielscheibe von Verkehrskontrollen. Diese enden häufiger tödlich als in vielen anderen Ländern.
Allein im vergangenen Jahr wurde eine Rekordzahl von 13 Todesfällen registriert, nachdem sich die Fahrer geweigert hatten, bei Verkehrskontrollen anzuhalten. Behörden und Polizeigewerkschaften machen ein gefährlicheres Fahrverhalten dafür verantwortlich. Kritiker verweisen aber auch auf ein Gesetz aus dem Jahr 2017, das Polizisten den Einsatz ihrer Waffe bei Verkehrskontrollen erlaubt, wenn ihr Leben oder das Leben anderer in Gefahr ist.
O.Bulka--BTB