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Rostock und Nordwest-Niedersachsen prüfen Meerwasserentsalzung für neue Wasserbedarfe
Häufigere Trockenphasen und neue Industrieprojekte erhöhen das Interesse an Meerwasserentsalzung in Deutschland. Planungen in Rostock und Forschung in Niedersachsen befassen sich dabei auch mit Energiebedarf und ökologischen Folgen.
Meerwasserentsalzung wird in Deutschland als zusätzliche Quelle für Trink- und Industriewasser diskutiert. Auf Helgoland wird Nordseewasser bereits seit Jahren entsalzt und gereinigt. In Ländern wie Israel, Saudi-Arabien, Spanien und den USA sind große Anlagen verbreitet; weltweit gibt es etwa 23.000. Deutschland nutzt bisher vor allem Grundwasser sowie Flüsse und Seen.
Pro Person werden hierzulande täglich 126 Liter für Zwecke wie Trinken, Kochen und Duschen verbraucht. Hinzu kommt der Bedarf von Landwirtschaft und Industrie. Mit zunehmender Erderhitzung häufen sich Trockenphasen, während Wasservorräte zurückgehen. Zugleich schaffen Wasserstoffproduktion und andere Industrievorhaben neue Anforderungen.
Claus Mertes vom Institut für Meerwasserentsalzung DME in Duisburg hält eine Beschäftigung mit der Technik auch jenseits der Küste für sinnvoll. Nach seiner Einschätzung könnten etwa Regionen wie das Ruhrgebiet profitieren. Die Ostsee biete gegenüber der Nordsee wegen ihres geringeren Salzgehalts Vorteile beim Aufwand und den Kosten. Mertes nennt rund 7,5 Gramm Salz je Liter für die Ostsee und je nach Ort 34 bis über 36 Gramm für die Nordsee.
Für einen Transport ins Binnenland schlägt er die Nutzung bestehender Schifffahrtskanäle vor. Als mögliche Strecke beschreibt er den Weg von Lübeck über den Elbe-Lübeck-Kanal und die Elbe zum Mittellandkanal und von dort am Wasserstraßenkreuz Bergeshövede bei Hörstel in den Dortmund-Ems-Kanal. Vor Ort könne das Süßwasser anschließend wie üblich aufbereitet werden. Dies ist ein technischer Vorschlag, kein bereits beschlossenes Transportprojekt.
Rostock beschäftigt sich konkret mit der Frage neuer Wasserquellen. Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger von der Linken berichtet, Investoren fragten in Deutschland regelmäßig nach Energie- und Wasserversorgung. Wegen des Wasserbedarfs habe die Stadt Anfragen eines asiatischen E-Auto-Herstellers, von Intel und weiteren Unternehmen nicht unterstützen können.
Geplant sind in der Region große Elektrolyseure zur Wasserstoffproduktion. Sie benötigen reines, salzfreies Wasser, das unter Einsatz von Strom in Sauerstoff und Wasserstoff aufgeteilt wird. Stammt dieser Strom aus erneuerbaren Quellen, wird das Produkt als grüner Wasserstoff bezeichnet. Er ist unter anderem für den klimaneutralen Umbau der Stahlindustrie vorgesehen und kann zur Speicherung überschüssigen Wind- und Solarstroms dienen. Bei Dunkelflauten lässt er sich wieder zur Stromerzeugung nutzen.
Der regionale Planungsverband Rostock ließ die Machbarkeit einer Meerwasserentsalzung untersuchen. Die Studie hält sie technisch und wirtschaftlich für möglich. Zunächst soll die Region Rostock versorgt werden. Eine spätere Erweiterung könnte auch Brandenburg und Berlin erreichen. In der abschließenden Ausbaustufe wären täglich 240.000 Kubikmeter Süßwasser vorgesehen.
Auch im Nordwesten Niedersachsens entstehen Wasserstoffprojekte. In Emden baut EWE den derzeit größten Elektrolyseur Deutschlands. Die Nähe zur Nordsee ermöglicht eine umfangreiche Erzeugung von Windstrom. Kerstin Krömer, Leiterin der Industriewasserversorgungsgesellschaft Nordwest-Niedersachsen iwag, sucht nach neuen Quellen für den industriellen Wasserbedarf. Das Tochterunternehmen des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbands forscht mit der Universität Bremen an möglichst umweltschonenden Verfahren.
Die Entsalzung bringt zwei wesentliche Probleme mit sich: einen hohen Stromverbrauch und hochkonzentrierte Salzlake. Die Sole wird bisher häufig ins Meer zurückgeleitet und kann dort Tiere und Pflanzen schädigen. Volkan Filiz vom Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht erläutert zwei grundlegende Techniken. Bei der thermischen Entsalzung wird Wasser verdampft, sodass Salz zurückbleibt. Bei der Umkehrosmose drücken Pumpen das Salzwasser durch eine Membran, die das Salz zurückhält.
Die Umkehrosmose ist nach Filiz die derzeit gebräuchlichste und effizientere Methode. Auch bei ihr bleibt Sole übrig. Darin enthaltene Metalle wie Lithium könnten nutzbar gemacht werden; Filiz und Kollegen erforschen entsprechende Möglichkeiten. Andere Forscher untersuchen eine Verarbeitung zu Baumaterialien.
In Rostock sollen nun die genauen ökologischen Folgen einer Einleitung von Salzlake in die Ostsee geprüft werden. Sowohl dort als auch in Nordwest-Niedersachsen wird außerdem die Aufbereitung von Abwasser für die Wasserstoffindustrie geplant. Damit würde Wasser wiederverwendet, das bisher nach der Klärung ins Meer gelangt. Jörg Rechenberg, im Umweltbundesamt für Wasserfragen zuständig, spricht sich angesichts neuer Bedarfe und häufigerer Trockenphasen dafür aus, sämtliche Optionen zu prüfen.
I.Meyer--BTB