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WHO: Letztes großes Krankenhaus im nördlichen Gazastreifen "außer Betrieb" gesetzt
Bei einem israelischen Militäreinsatz ist das letzte große Krankenhaus im nördlichen Gazastreifen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO "außer Betrieb" gesetzt worden. "Erste Berichte deuten darauf hin, dass einige wichtige Abteilungen bei der Razzia stark verbrannt und zerstört wurden", erklärte die WHO am Freitag im Onlinedienst X. Die israelische Armee hatte nach eigenen Angaben einen Einsatz gegen Kämpfer der radikalislamischen Hamas in der Kamal-Adwan-Klinik in Beit Lahia eingeleitet.
Diese sei "eine zentrale Hochburg für terroristische Organisationen und wird weiterhin als Versteck für Terroristen genutzt", erklärte die israelische Armee am Freitag. Die islamistische Hamas gab ihrerseits an, die israelischen Streitkräfte hätten die Klinik gestürmt.
Der israelische Razzia am Freitagmorgen habe "die letzte große Gesundheitseinrichtung im Norden des Gazastreifens außer Betrieb gesetzt", gab die WHO an. Sie erklärte, dass sich 60 medizinische Angestellte und 25 Patienten in lebensbedrohlichem Zustand, darunter an Beatmungsgeräte angeschlossene Patienten, Berichten zufolge weiter in dem Krankenhaus befänden.
Patienten in mittelschwerem bis schwerem Zustand seien gezwungen gewesen, ins zerstörte und nicht funktionstüchtige Indonesische Krankenhaus zu evakuieren. Die UN-Gesundheitsorganisation mache sich "große Sorgen um ihre Sicherheit", hieß es.
Indes gab die israelische Armee an, der Einsatz basiere auf Geheimdienstinformationen über "terroristische Infrastrukturen und Aktivisten" nahe des Krankenhauses. Die Soldaten führten "gezielte Einsätze in dem Gebiet aus, während sie den Schaden für unbeteiligte Zivilisten, Patienten und medizinisches Personal begrenzen".
Seit dem 6. Oktober hat Israel seine Land- und Luftoffensive im nördlichen Gazastreifen intensiviert, um zu verhindern, dass sich Kämpfer der Hamas und weiterer militanter Palästinensergruppen in dem Gebiet neu formieren. Vor Beginn des jüngsten Einsatzes erklärte die Armee, ihre Einheiten hätten "die sichere Evakuierung von Zivilisten, Patienten und medizinischem Personal ermöglicht".
Die WHO bekräftigte indes ihren Aufruf zu einem Waffenstillstand. Der Angriff auf das Kamal-Adwan-Krankenhaus erfolge "nach eskalierenden Zugangsbeschränkungen für die WHO und ihre Partner und wiederholten Angriffen auf oder in der Nähe der Einrichtung seit Anfang Oktober". Angriffe und Kämpfe würden "alle unsere Bemühungen und unsere Unterstützung, um die Einrichtung minimal funktionsfähig zu halten, zunichte" machen, fuhr sie fort. "Die systematische Demontage des Gesundheitssystems im Gazastreifen ist ein Todesurteil für Zehntausende von Palästinensern, die eine medizinische Versorgung benötigen."
Die islamistische Hamas gab ihrerseits an, die israelischen Streitkräfte hätten die Klinik am Freitag gestürmt. Das "medizinische Personal, die Patienten, die Verletzten und die Flüchtlinge" seien "zur Evakuierung gezwungen" worden, hieß es in einer Erklärung. Die Islamisten beschuldigten die israelischen Streitkräften überdies, die Evakuierten von der Kommunikation "abgeschnitten und festgenommen" zu haben.
Israel beschuldigt die Hamas, Zivilisten als menschliche Schutzschilde und zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser und Schulgebäude für ihre Infrastruktur zu nutzen, unter anderem als Kommandozentralen und Waffenlager. Die israelischen Streitkräfte stießen an Einrichtungen wie diesen nach eigenen Angaben seit Beginn des Krieges im Gazastreifen immer wieder auf Tunnel und weitere Infrastruktur der Hamas. Die Hamas streitet das ab.
"Wir bestreiten kategorisch die Anwesenheit von militärischen Aktivitäten oder Widerstandskämpfern in dem Krankenhaus", erklärte die militante Palästinenserorganisation nun. Sie forderte die Vereinten Nationen dazu auf, eine Untersuchungskommission einzusetzen, um "das Ausmaß der Verbrechen im nördlichen Gazastreifen zu untersuchen".
Das Gesundheitsministerium im von der Hamas kontrollierten Gazastreifen zitierte Krankenhausdirektor Hossam Abu Safija mit den Worten, dass die Armee "alle chirurgischen Abteilungen des Krankenhauses in Brand gesetzt" habe. Das "gesamte medizinische Personal und die Vertriebenen" seien evakuiert worden, es gebe viele Verletzte innerhalb des medizinischen Teams. Das Krankenhaus habe am Freitagmorgen rund 350 Menschen beherbergt, darunter 75 Kranke und Verletzte sowie 180 medizinische Mitarbeiter, sagte er demnach weiter. Safija oder andere Klinikvertreter waren am Freitag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.
Der Krieg war durch einen Großangriff der Hamas und mit ihr verbündeter militanter Palästinensergruppen auf Israel ausgelöst worden, bei dem nach israelischen Angaben 1208 Menschen getötet wurden. 251 weitere Menschen wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. 96 der Geiseln sind demnach noch immer in der Gewalt der Hamas. 34 von ihnen wurden von Israel offiziell für tot erklärt.
Israel geht seit dem Hamas-Überfall massiv militärisch im Gazastreifen vor. Dabei wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde mehr als 45.400 Menschen getötet. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.
J.Fankhauser--BTB