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Friedensforschungsinstitut Sipri warnt vor wachsender Bedeutung von Atomwaffen
Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri hat vor einer wachsenden Bedeutung von Atomwaffen in der internationalen Sicherheitspolitik gewarnt. Zwar sank die weltweite Gesamtzahl der Atomsprengköpfe leicht, die Zahl der militärisch nutzbaren Sprengköpfe stieg aber, wie Sipri anlässlich der Veröffentlichung seines 57. Jahrbuchs am Montag erklärte. In Europa rückten laut Sipri Debatten über nukleare Teilhabe und Abschreckung stärker in den Fokus.
Staaten setzten Atomwaffen zunehmend als Instrumente nationaler Machtpolitik ein und machten damit jahrzehntelange Bemühungen um eine Verringerung der Zahl und der Rolle von Atomwaffen rückgängig, erklärte Sipri. Bereits im vergangenen Jahr hatte das Institut vor einem "gefährlichen nuklearen Wettrüsten" gewarnt. Der neue Bericht beschreibt nun eine weiter wachsende Rolle von Atomwaffen in der Sicherheitspolitik.
Die neun Atommächte USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel setzten demnach im vergangenen Jahr ihre Programme zur Modernisierung und Ausweitung ihrer Atomwaffenarsenale fort. Die meisten von ihnen stationierten neue atomwaffenfähige oder nuklear bewaffnete Waffensysteme.
Die Gesamtzahl der Atomsprengköpfe weltweit ging nach Sipri-Schätzungen von 12.241 Anfang 2025 auf 12.187 Anfang 2026 zurück. Dies liege aber allein daran, dass die USA und Russland weiter ausgemusterte Sprengköpfe demontieren. Bei den militärisch nutzbaren Sprengköpfen verzeichnete Sipri dagegen einen Anstieg von 9614 auf 9745. Etwa 4012 dieser Sprengköpfe waren demnach auf Raketen oder Stützpunkten mit einsatzbereiten Kräften stationiert - rund 100 mehr als im Vorjahr.
Zwischen 2100 und 2200 Sprengköpfe befanden sich laut Sipri in hoher Einsatzbereitschaft auf ballistischen Raketen. Fast alle gehörten Russland und den USA. In kleinerem Umfang verfügten auch Frankreich und Großbritannien über solche Sprengköpfe. Möglicherweise hätten inzwischen auch China und Indien begonnen, gelegentlich eine kleinere Zahl von Sprengköpfen in Friedenszeiten auf Raketen zu platzieren.
"Einflussreiche Stimmen, darunter einige Staats- und Regierungschefs, propagieren Atomwaffen als Garantie gegen einen Angriff eines feindlichen Staates", erklärte Sipri-Direktor Karim Haggag. Wenn Staaten ihre Verteidigungs- und Sicherheitsstrategien stärker von Atomwaffen abhängig machten, könne dies die nuklearen Risiken "erheblich erhöhen".
Nach Einschätzung von Sipri wächst die Gefahr, dass sich der seit Ende des Kalten Kriegs anhaltende Rückgang der weltweiten Atomwaffenbestände in den kommenden Jahren umkehrt. Die Demontage ausgemusterter Sprengköpfe verlangsame sich, während neue Atomwaffen schneller stationiert würden.
Sipri-Experte Hans Kristensen erklärte, die Atommächte ließen ihre Abrüstungsverpflichtungen zunehmend außer Acht und ließen stattdessen "ihre nuklearen Muskeln spielen".
Die mit Abstand größten Arsenale besitzen weiter die USA und Russland. Zusammen verfügen beide Staaten laut Sipri über rund 83 Prozent aller militärisch nutzbaren Sprengköpfe. Ihre Bestände blieben im vergangenen Jahr zwar weitgehend stabil, beide Länder modernisieren ihre Arsenale aber umfassend.
Zusätzliche Unsicherheit entsteht nach Sipri-Einschätzung durch Ende des New-Start-Abkommens. Der letzte bilaterale Vertrag zur Begrenzung strategischer Atomwaffen zwischen Washington und Moskau lief im Februar ohne Nachfolgeregelung aus. Damit entfällt auch eine wichtige Grundlage für öffentliche Daten zu den strategischen Nuklearstreitkräften beider Staaten.
Unterdessen baut China sein Atomwaffenarsenal dem Institut zufolge schneller aus als jedes andere Land. Die Zahl der chinesischen Sprengköpfe stieg binnen eines Jahres von 600 auf rund 620. China habe inzwischen hunderte Raketen in drei großen Silofeldern im Norden des Landes gelagert und arbeite an weiteren Silos im Osten. Je nach Aufbau seiner Streitkräfte könnte China bis zum Ende des Jahrzehnts über mindestens so viele landgestützte ballistische Interkontinentalraketen (ICBM) verfügen wie Russland oder die USA.
Auch Indien und Nordkorea vergrößerten nach Sipri-Einschätzung ihre Arsenale. Indien verfügte Anfang 2026 über rund 190 Sprengköpfe, Nordkorea möglicherweise über etwa 60. Pakistan blieb demnach bei 170 Sprengköpfen. Israel, das den Besitz von Atomwaffen nicht öffentlich bestätigt, verfügte laut Sipri weiter über schätzungsweise 90 Sprengköpfe.
Auch Staaten ohne eigene Atomwaffen rückten nukleare Fragen stärker in ihre Sicherheitsdebatten. In Europa hätten mehrere Staaten, darunter Deutschland, den Wunsch erkennen lassen, die auf US-Waffen gestützte nukleare Teilhabe in der Nato durch ähnliche Arrangements mit Frankreich und Großbritannien zu ergänzen, erklärte Sipri. Das Institut verwies auf Äußerungen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron über laufende Gespräche mit Deutschland und Großbritannien zu diesem Thema.
J.Horn--BTB