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Neoms teurer Wüstentraum
Im Nordwesten Saudi-Arabiens sollte nicht weniger als die Zukunft beginnen. Eine 170 Kilometer lange Stadt, eingeschlossen zwischen zwei 500 Meter hohen, verspiegelten Fassaden, sollte neun Millionen Menschen aufnehmen, ohne Straßen, ohne private Autos und angeblich vollständig mit erneuerbarer Energie versorgt. The Line war als gebautes Gegenmodell zur herkömmlichen Metropole gedacht. Heute steht das Projekt vor allem für die Grenzen staatlich verordneter Größe.
Der ursprüngliche Traum ist in seiner angekündigten Form geplatzt. Neom selbst existiert weiter, ebenso einzelne Industrie-, Hafen- und Energieprojekte. Doch das spektakuläre Herzstück ist politisch entpriorisiert, technisch in Überarbeitung und nach Informationen aus dem Projektumfeld bis mindestens nach 2030 zurückgestellt. Mehrere Großverträge wurden beendet. Die einst verbindlich klingenden Zeitpläne sind zu unverbindlichen Zukunftsaussichten geworden. Aus einem Symbol grenzenloser Ambition ist ein Lehrstück über Kosten, Macht und wirtschaftliche Wirklichkeit geworden.
Als Neom im Jahr 2017 vorgestellt wurde, passte das Vorhaben perfekt zur Vision 2030. Saudi-Arabien wollte seine Abhängigkeit vom Erdöl verringern, internationale Investoren anziehen, neue Industrien schaffen und sich als globales Zentrum für Technologie, Tourismus und Logistik positionieren. Für Neom wurde zunächst ein Rahmen von 500 Milliarden Dollar genannt. Das Gebiet umfasst 26.500 Quadratkilometer und ist damit größer als manche Staaten.
The Line gab diesem abstrakten Entwicklungsraum ein weltweit wiedererkennbares Bild. Die geplante Stadt sollte nur 200 Meter breit sein, sich jedoch durch Wüste und Gebirge bis zum Roten Meer ziehen. Schulen, Wohnungen, Büros, Kliniken und Freizeitangebote sollten vertikal übereinandergestapelt werden. Ein Hochgeschwindigkeitssystem sollte die gesamte Strecke in rund zwanzig Minuten überwinden. Der Verzicht auf Straßen und Autos wurde als ökologischer Durchbruch verkauft, die extreme Dichte als Antwort auf Zersiedelung und Flächenverbrauch.
Schon die offiziellen Zwischenziele waren gewaltig. Für 2026 war zeitweise eine Kapazität von 450.000 Einwohnern vorgesehen. Bis 2030 sollten 1,5 bis zwei Millionen Menschen in Neom leben, später neun Millionen. Für die erste Entwicklungsphase wurden rund 1,2 Billionen Riyal veranschlagt, umgerechnet etwa 320 Milliarden Dollar. Ein erheblicher Teil sollte aus privatem Kapital, internationalen Staatsfonds und einem angekündigten Börsengang kommen.
Nichts davon entwickelte sich im vorgesehenen Tempo. Die für 2026 versprochene Großstadt existiert nicht. Der geplante Börsengang kam nicht zustande. Ausländische Investoren beteiligten sich nicht in dem Umfang, den die Finanzierung voraussetzte. Zugleich stiegen die Kosten für Planung, Erdarbeiten, Fundamente, Transportwege, Energieversorgung, Wasser, Glas, Stahl und Beton. Bis Ende 2025 sollen bereits mindestens 50 Milliarden Dollar in das Vorhaben geflossen sein, obwohl von der eigentlichen Stadt vor allem Baugruben, Pfahlgründungen, Zufahrten und vorbereitende Infrastruktur sichtbar waren.
Das Problem liegt nicht allein in schlechter Ausführung. Es steckt im Konzept selbst. Eine 500 Meter hohe Struktur wäre bereits als einzelnes Gebäude ein Projekt von außergewöhnlicher Komplexität. The Line sollte diese Höhe jedoch über eine Distanz von 170 Kilometern halten. Jede technische Frage wurde dadurch vervielfacht: Fundamente, Brandschutz, Evakuierung, Belüftung, Tageslicht, vertikaler Verkehr, Energieverteilung, Abwasser, Wartung und Versorgung. Hinzu kommt die geplante Hochgeschwindigkeitsverbindung, ohne die das lineare Stadtmodell kaum funktionieren könnte.
Eine herkömmliche Stadt kann schrittweise wachsen. Viertel entstehen dort, wo Nachfrage vorhanden ist. Infrastruktur lässt sich ergänzen, Grundstücke können unterschiedlich genutzt werden, Fehler bleiben räumlich begrenzt. The Line kehrte dieses Prinzip um. Zuerst sollte eine gigantische, weitgehend zusammenhängende Hülle entstehen, danach sollten Bewohner, Unternehmen und gesellschaftliches Leben folgen. Damit wurde aus Stadtentwicklung ein Alles-oder-nichts-Versprechen.
Genau darin liegt die strategische Falle. Wird das Projekt stark verkürzt, sinken zwar die Baukosten, doch zugleich verliert es sein wesentliches Verkaufsargument. Ein Abschnitt von wenigen Kilometern ist keine revolutionäre lineare Metropole, sondern ein außergewöhnlich großer Gebäudekomplex in abgelegener Lage. Die spektakuläre Form, die Investoren und Bewohner anziehen sollte, macht eine pragmatische Verkleinerung zur öffentlichen Niederlage.
Im Frühjahr 2026 wurde der Kurswechsel unübersehbar. Der staatliche Investitionsfonds erklärte, The Line müsse nicht bis 2030 fertiggestellt werden und gehöre nicht mehr zu den zwingenden Prioritäten. Offiziell wurde eine vollständige Absage weiterhin bestritten. Praktisch folgten jedoch Entscheidungen, die weit über eine gewöhnliche Verzögerung hinausgehen.
Ein Vertrag für eine Hochgeschwindigkeitsverbindung wurde beendet, obwohl rund ein Fünftel der Arbeiten bereits ausgeführt war. Der noch offene Auftragsbestand lag bei etwa einer Milliarde Euro. Zuvor war bereits ein Vertrag für drei Dämme im Gebirgsresort Trojena mit einem verbleibenden Volumen von rund 2,8 Milliarden Euro beendet worden. Auch die für 2029 vorgesehenen Asiatischen Winterspiele wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Das war besonders symbolträchtig, weil Trojena beweisen sollte, dass selbst ein Wintersportzentrum in der trockenen Bergwelt des Königreichs planbar sei.
Nach internen Planungen könnten zwischen 2026 und 2030 etwa 60 Milliarden Riyal oder rund 16 Milliarden Dollar allein für die Auflösung langfristiger Verträge, Entschädigungen und den Rückzug von Baustellen benötigt werden. Diese Summe ist nicht als endgültig bestätigte Gesamtrechnung zu verstehen. Sie zeigt jedoch, wie teuer schon das Verkleinern eines Megaprojekts werden kann. Wer Verträge für Jahrzehnte, riesige Materialmengen und Tausende Arbeitskräfte abschließt, kann eine politische Vision nicht ohne Folgekosten zurückdrehen.
Auch die Bevölkerungsziele wurden drastisch nach unten korrigiert. Aus ursprünglich bis zu zwei Millionen Einwohnern für 2030 wurden zunächst deutlich weniger, inzwischen ist von höchstens 100.000 Menschen im gesamten Neom-Gebiet bis zum Ende des Jahrzehnts die Rede. Selbst dieses Ziel würde voraussetzen, dass funktionsfähige Wohnquartiere, Arbeitsplätze und öffentliche Dienste rechtzeitig entstehen. Die Differenz zwischen Versprechen und Realität ist inzwischen so groß, dass sie nicht mehr mit einer bloßen Terminverschiebung erklärt werden kann.
Der finanzielle Druck ist real, auch wenn Saudi-Arabien keineswegs vor dem Staatsbankrott steht. Der staatliche Investitionsfonds verwaltet Vermögen von rund 925 Milliarden Dollar und meldete für 2025 einen deutlich gestiegenen Gewinn. Die saudische Wirtschaft wuchs im selben Jahr kräftig, getragen auch von Aktivitäten außerhalb des Ölsektors. Die Modernisierung des Landes hat zudem sichtbare Erfolge hervorgebracht, etwa im Tourismus, bei Unterhaltung, Logistik, Unternehmensansiedlungen und der Beschäftigung von Frauen.
Doch Vermögen ist nicht dasselbe wie frei verfügbares Geld. Der Staat finanziert gleichzeitig neue Verkehrssysteme, Industrieparks, Fußballstadien, die Weltausstellung 2030 in Riad und die Fußballweltmeisterschaft 2034. Hinzu kommen Verteidigungsausgaben und die Kosten regionaler Unsicherheit. Im ersten Quartal 2026 stieg das Haushaltsdefizit auf rund 125,7 Milliarden Riyal, etwa 33,5 Milliarden Dollar. Damit war innerhalb von drei Monaten ein großer Teil des für das Gesamtjahr vorgesehenen Fehlbetrags erreicht. Die Regierung plante für 2026 einen Finanzierungsbedarf von rund 58 Milliarden Dollar.
Unter solchen Bedingungen verändert sich die entscheidende Frage. Es geht nicht mehr darum, ob Saudi-Arabien theoretisch genug Geld besitzt, um weitere Milliarden in der Wüste zu verbauen. Es geht darum, welchen Ertrag jeder zusätzlich eingesetzte Riyal bringt. Ein Hafen, ein Stromnetz oder eine Industrieanlage kann messbare Einnahmen schaffen. Ein riesiger, nur teilweise genutzter Gebäudekörper bindet dagegen Kapital, Personal und politische Aufmerksamkeit, ohne dass eine ausreichende Nachfrage gesichert wäre.
Deshalb wird Neom inzwischen neu sortiert. Im Vordergrund stehen zunehmend Projekte mit unmittelbar erkennbarem wirtschaftlichem Nutzen. Oxagon, das Industrie- und Logistikzentrum am Roten Meer, der Hafen von Neom, Anlagen für grünen Wasserstoff sowie digitale Infrastruktur und mögliche Rechenzentren passen besser in eine Strategie, die Exporte, Energie und produktive Investitionen priorisiert. Der Hafen arbeitet bereits und konnte sich 2026 sogar als alternative Route für einzelne Lieferungen in die Golfstaaten anbieten. Diese Teile von Neom sind weniger spektakulär als eine verspiegelte Stadtmauer, aber ökonomisch plausibler.
Gerade diese Verschiebung zeigt, dass nicht das gesamte Projekt wertlos ist. Straßen, Hafenanlagen, Stromversorgung, Telekommunikation und industrielle Flächen können auch dann Nutzen stiften, wenn The Line nie in der angekündigten Form gebaut wird. Forschung zu Wasser, erneuerbarer Energie und Wasserstoff kann ebenfalls wirtschaftliche Ergebnisse hervorbringen. Wer Neom pauschal als vollständigen Totalschaden bezeichnet, übersieht diese Vermögenswerte.
Trotzdem wäre es verharmlosend, die Entwicklung als normale Anpassung eines langfristigen Projekts darzustellen. Der Kern des ursprünglichen Versprechens war nicht ein Hafen oder ein Industriegebiet. Er war eine neue Zivilisation in der Wüste, sichtbar gemacht durch eine 170 Kilometer lange Spiegelwand. Genau dieses Versprechen begründete die weltweite Aufmerksamkeit, rechtfertigte außergewöhnliche Ausgaben und sollte privates Kapital mobilisieren. Wenn nun vor allem jene Teile fortgeführt werden, die auch ohne die große Utopie sinnvoll wären, ist das eine strategische Rettungsoperation.
Hinzu kommen ökologische Widersprüche. Eine Stadt ohne Autos kann im Betrieb Emissionen vermeiden. Ihre Errichtung erfordert jedoch enorme Mengen an Beton, Stahl und Glas. Die Herstellung dieser Materialien verursacht erhebliche Treibhausgasemissionen, lange bevor der erste Bewohner einzieht. Kühlung, Wassergewinnung und der Betrieb einer hoch verdichteten Struktur in heißer, trockener Umgebung benötigen gewaltige Energiemengen. Erneuerbare Energie kann diese Belastung verringern, hebt aber den Ressourcenbedarf der Bauphase nicht auf.
Auch die verspiegelte Fassade wurde zum Problem. Die geplante Trasse liegt in einer Region, die von Zugvögeln durchquert wird. Eine kilometerlange reflektierende Wand könnte für Tiere zur schwer erkennbaren Barriere werden. Fachleute warnten zudem davor, dass eine Struktur dieser Größe lokale Wind- und Wetterverhältnisse beeinflussen könnte. Solche Risiken widersprechen dem Anspruch, ein Musterprojekt für das harmonische Zusammenleben von Mensch und Natur zu schaffen.
Noch schwerer wiegt die soziale Bilanz. Für das Projekt wurden Bewohner aus dem vorgesehenen Entwicklungsgebiet umgesiedelt. Angehörige des Huwaitat-Stammes berichteten über Zwang, Verfolgung und unzureichende Mitsprache. Experten der Vereinten Nationen äußerten sich alarmiert über Todesurteile gegen drei Männer, deren Fälle mit dem Widerstand gegen Vertreibungen im Umfeld von Neom in Verbindung gebracht wurden. Die saudische Seite wies diese Darstellung zurück und begründete die Urteile mit anderen Straftatvorwürfen. Der Konflikt bleibt dennoch Teil der Geschichte des Projekts und lässt sich nicht durch futuristische Architektur verdecken.
Ist Neom damit die größte Geldverschwendung der Geschichte? Eine seriöse Antwort muss zurückhaltender ausfallen als die zugespitzte Frage. Es gibt bislang keine abschließende, unabhängig geprüfte Gesamtrechnung. Neom ist nicht beendet, Teile der Infrastruktur besitzen einen realen Wert, und Saudi-Arabien verfügt weiterhin über erhebliche finanzielle Reserven. Historische Kriege, gescheiterte Staatsprojekte und Finanzkrisen haben zudem Schäden in ganz anderen Größenordnungen verursacht.
Als eines der kostspieligsten Prestigeexperimente der Gegenwart kann Neom jedoch bereits gelten. Der wirtschaftliche Schaden bemisst sich nicht nur an verbautem Beton oder gekündigten Verträgen. Hinzu kommen entgangene Alternativen. Jeder Milliardenbetrag, der für eine nicht benötigte Struktur ausgegeben wird, fehlt bei Bildung, Wasserinfrastruktur, Forschung, Wohnungsbau oder bei Unternehmen, die dauerhaft Arbeitsplätze schaffen könnten. Diese Opportunitätskosten sind schwer sichtbar, aber für die Zukunft eines Landes entscheidend.
Das eigentliche Versagen liegt deshalb weniger in der Größe der Vision als in der Reihenfolge der Entscheidungen. Eine mutige Idee hätte mit Pilotprojekten, belastbaren Nachfrageanalysen, transparenten Kostenrahmen und unabhängiger technischer Prüfung beginnen können. Stattdessen wurden monumentale Ziele verkündet, bevor Finanzierung, Markt und Bauweise ausreichend geklärt waren. Die politische Strahlkraft der Ankündigung war sofort verfügbar, die Rechnung kam später.
Saudi-Arabien versucht nun, diese Rechnung zu begrenzen. Der neue Kurs ist nüchterner und wirtschaftlich vernünftiger. Er konzentriert sich auf Anlagen, die Handel ermöglichen, Energie erzeugen oder Investoren einen nachvollziehbaren Ertrag bieten. Damit könnte aus Teilen von Neom noch ein bedeutender Industrie- und Logistikstandort entstehen.
Für The Line gilt etwas anderes. Das Projekt war so eng mit seiner maximalen Dimension verbunden, dass jede realistische Kürzung wie ein Scheitern aussieht. Vielleicht wird eines Tages ein kurzer Abschnitt gebaut und als technologisches Schaufenster genutzt. Die versprochene lineare Millionenstadt aber ist in weite Ferne gerückt. Übrig bleibt ein tiefer Graben in der Wüste und eine politische Erkenntnis, die auch ein sehr reiches Land nicht umgehen kann: Kapital kann fast alles bauen, aber es kann Nachfrage, Zweckmäßigkeit und Wirklichkeit nicht befehlen.
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