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Negativrekorde für Deutschland in Pisa-Studie - Rufe nach mehr Chancengerechtigkeit
Nach neuen Negativrekorden bei den Leistungen deutscher Schüler in der jüngsten Pisa-Studie sind Rufe nach mehr Chancengerechtigkeit laut geworden. Es sei "nicht hinnehmbar", dass "die soziale Schere weiter aufgeht und sich nicht schließt", räumte Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) am Dienstag in Berlin ein. Arbeitgeber forderten eine "gezielte Unterstützung für Schulen mit besonders großen Herausforderungen". Die Grünen drangen ähnlich wie die Linke auf eine "echte Bildungsoffensive".
In der internationalen Schulleistungsstudie mit Daten von 2025, die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris veröffentlicht wurde, sind die Ergebnisse von 15-Jährigen in Deutschland in Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften "die niedrigsten, die je gemessen wurden". Mit diesem Ergebnis rangiert Deutschland in allen drei Bereichen nahe am Durchschnitt aller rund 90 getesteten Länder. An der Spitze des internationalen Bildungsvergleichs liegen erneut Singapur und vier chinesische Regionen.
Prien bezeichnete die Ergebnisse der Pisa-Studie mit Blick auf Deutschland als "dramatisch". Dass es "besonders große Kompetenzunterschiede zwischen Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten und aus privilegierten Familien" gebe, sei "keine Neuigkeit". Dass sich diese Schere weiter öffne, sei aber "außerordentlich beunruhigend".
Nötig sei ein Bündel an Maßnahmen von Bund und Ländern, sagte Prien. Unter anderem forderte die Bundesbildungsministerin mehr frühkindliche Förderung, den Einsatz begrenzter Ressourcen dort, "wo sie besonders gebraucht werden", sowie ein "schnelles Handeln" bei der Altersbegrenzung von Onlinediensten für Minderjährige.
Die Präsidentin der Bildungsministerkonferenz, die bayerische Kultusstaatsministerin Anna Stolz (Freie Wähler), sprach von einem "desaströsen" Studienergebnis, das aber mit Blick auf ähnliche Untersuchungen "nicht überraschend" sei. Sie kündigte ein schnelles und entschlossenes Handeln an, um eine "Trendumkehr" etwa bei der Verringerung von Bildungsungleichheiten zu erreichen. Die Länder hätten bereits "wichtige Maßnahmen auf den Weg gebracht", etwa bei der früheren und gezielten Förderung.
Von den oppositionellen Grünen im Bundestag hieß es, die jüngsten Studienergebnisse zeigten erneut, "wie ungerecht die Chancen in unserem Bildungssystem verteilt sind". Nötig seien unter anderem stärkere Investitionen in Kitas, forderte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Anja Reinalter. Die Linke bezeichnete die Ergebnisse der Pisa-Studie als "Quittung für jahrzehntelanges bildungspolitisches Versagen".
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger bezeichnete Bildung als eine "Kernaufgabe des Staates". Jedes Kind müsse die Schule mit dem Rüstzeug für Ausbildung, Studium und Beruf verlassen. Der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, erklärte, neben einer besseren und flächendeckenden Berufsorientierung an allen Schulformen komme es nun vor allem darauf an, die Grundkompetenzen der jungen Menschen zu verbessern.
Das Deutsche Kinderhilfswerk kritisierte, in Deutschland hingen Bildungs- und Teilhabechancen "weiterhin in erschreckend hohem Maße von der sozialen Herkunft ab". Nötig sei eine Politik für mehr Chancengerechtigkeit, forderte der Bundesgeschäftsführer des Hilfswerks, Holger Hofmann. Der Deutsche Lehrerverband forderte eine "verlässliche Bildungspolitik mit langfristigen Investitionen", wie Verbandspräsident Stefan Düll erklärte.
Die OECD testet in regelmäßigen Abständen die Kenntnisse und Fähigkeiten 15-jähriger Schülerinnen und Schüler in ihren Mitgliedstaaten und Partnerländern und veröffentlicht die Ergebnisse in der sogenannten Pisa-Studie. Die Test-Ergebnisse sind laut den Autoren aussagekräftig für den langfristigen Erfolg von Volkswirtschaften und Gesellschaften.
In Deutschland waren demnach die Durchschnittsergebnisse 2025 in Mathematik und Lesekompetenz niedriger als beim vorangegangenen Pisa-Test 2022. In den Naturwissenschaften lagen sie etwa gleichauf. Damit verstärke sich auf das gesamte Jahrzehnt betrachtet in Deutschland ein "negativer Trend", hieß es weiter.
Im OECD-Durchschnitt entspricht der in vielen Staaten verzeichnete Rückgang bei der Lesekompetenz laut Studie in etwa einem kompletten Schuljahr. Die Autoren sprechen von einem "besorgniserregenden" Befund, da es gerade im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI) darauf ankomme, Informationen zu bewerten und das Gelesene kritisch zu hinterfragen. Deutschland zählt nach Überzeugung der Autoren mit seinem mehrgliedrigen Schulsystem zu den Ländern, in denen die jeweilige Schulform die Leistungsunterschiede noch betone.
Zwischen 2015 und 2025 habe sich in Deutschland der Leistungsabstand in Naturwissenschaften zwischen gesellschaftlich privilegierten und benachteiligten Schülerinnen und Schülern vergrößert, heißt es weiter in der Studie. Während die Leistungen der ersteren in etwa stabil blieben, sackten die der gesellschaftlich benachteiligten Schülerinnen und Schüler ab.
O.Lorenz--BTB