Berliner Tageblatt - Dark Romance: Wenn der Stalker zum romantischen Helden wird

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Dark Romance: Wenn der Stalker zum romantischen Helden wird
Dark Romance: Wenn der Stalker zum romantischen Helden wird

Dark Romance: Wenn der Stalker zum romantischen Helden wird

Auf der Plattform BookTok erobern düstere Liebesromane mit gewalttätigen Helden die Bestsellerlisten. Die Wiener Zeitung-Kolumnistin Verena Franke hinterfragt in ihrer Kolumne 'Kulturschock', warum die Fantasie von Kontrolle und Stalking als romantisch gilt und welche Gefahren von dieser Literatur für junge Leserinnen ausgehen können.

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In den sozialen Medien, insbesondere auf der Video-Plattform BookTok, wird derzeit intensiv über eine literarische Strömung diskutiert, die traditionelle Vorstellungen von Romantik auf den Kopf stellt. Dort schwärmt eine junge Frau von ihrem bevorzugten fiktiven Partner, einem Mann, der im realen Leben als gefährlich gelten würde: Er verfolgt Frauen, übt Kontrolle aus und respektiert keine Grenzen. Während ein solches Verhalten in der Realität polizeilich relevant wäre, wird er in der Welt der sogenannten Dark Romance zum idealen Liebhaber stilisiert.

Diese Entwicklung wirft die Frage auf, warum solche düsteren Narrative so große Anziehungskraft entfalten und wie sich dies im Buchmarkt niederschlägt. Die Faszination für gefährliche Männer ist dabei historisch nicht neu; Figuren wie Christian Grey aus der Trilogie "Fifty Shades of Grey" haben dieses Muster bereits etabliert. Dark Romance treibt diese Dynamik jedoch weiter voran. Ein aktuelles Beispiel ist das Werk "Haunting Adeline" der Autorin H. D. Carlton, in dem eine junge Schriftstellerin von einem Mann verfolgt wird, der später zu ihrem Liebhaber wird. Der Stalker bleibt dabei bedrohlich, doch genau diese Gefahr macht ihn zum Objekt romantischer Begierde.

Der wirtschaftliche Einfluss dieser Literaturgattung auf den Buchmarkt ist signifikant. Laut einer Analyse von NielsenIQ BookData und Media Control wurden im Jahr 2025 in mehreren europäischen Ländern, darunter Österreich, mehr als 50 Millionen Bücher verkauft, die durch Aufmerksamkeit auf BookTok bekannt geworden waren. Der damit verbundene Umsatz belief sich auf gut 800 Millionen Euro. Auch in Deutschland ist der Effekt spürbar: In den ersten 40 Wochen des Jahres 2024 stieg der Umsatz mit Titeln, die auf der Plattform diskutiert wurden, um 29,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum an. Wie groß das spezifische Geschäft mit düsteren Liebesgeschichten ist, wird jedoch nicht gesondert ausgewiesen.

Die psychologischen Motive hinter dieser Lesebegeisterung werden von Experten unterschiedlich erklärt. Der Medienpsychologe Frank Schwab von der Universität Würzburg verweist auf moralisch widersprüchliche Figuren. Wenn Angst, Aufregung und Erotik zusammenkommen, entstehe eine verstärkte Spannung, die viele Leserinnen anzieht. Die forensische Psychologin Gilda Giebel identifiziert weitere Fantasien: Manche Frauen reizt die Vorstellung, die Kontrolle einmal abzugeben, statt ständig selbst Entscheidungen treffen zu müssen. Andere fasziniert die bedingungslose Hingabe des Mannes. Er ist gefährlich und unnahbar, wird aber nur bei ihr weich. Dies schmeichle dem eigenen Ego, da jede Frau gerne etwas Besonderes für jemanden sein möchte.

Eine kleine Studie der Universität Würzburg mit 47 Frauen zu "Bad Boys" in Filmen und Serien fand zudem einen Zusammenhang zwischen der Faszination für solche Figuren und der Suche nach aufregenden Erfahrungen. Es gehe möglicherweise weniger um die Gewalt selbst, sondern um die Vorstellung, dass sich der gefährlichste Mann ausgerechnet für die Leserin verändert.

Trotz dieser psychologischen Erklärungen kritisiert die Autorin Verena Franke in ihrer Kolumnenreihe "Kulturschock" für die Wiener Zeitung die gesellschaftliche Debatte um Dark Romance. Sie stellt fest, dass bei Leserinnen solcher Bücher schnell unterstellt werde, sie wünschten sich im echten Leben einen solchen Partner. Romane und erotische Literatur würden ohnehin gern als Kitsch oder Schund abgetan. Die Literaturwissenschaftlerin Anne Deckbar verweist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung darauf, dass die Abwertung von Literatur, die vor allem Frauen schreiben und lesen, eine lange Tradition habe.

Franke vergleicht die Situation mit Debatten über Gewalt in Videospielen, Horrorfilmen oder Pornografie, bei denen ebenfalls Männer sich für ihre Unterhaltungsvorlieben rechtfertigen müssen. Bei Dark Romance werde jedoch schnell aus geheimen Fantasien ein öffentliches Thema. Wer solche Bücher mag, wolle damit noch lange keinen gewalttätigen Partner im echten Leben.

Ein zentrales Problem sieht Franke darin, wie Gewalt in diesen Geschichten dargestellt wird. Im Krimi ist der Stalker meist eine Bedrohung; in Dark Romance kann sein Verhalten als Ausdruck besonderer Leidenschaft durchgehen. Er verfolgt die Frau nicht nur, er kann "nicht ohne sie leben". Er kontrolliert sie nicht, sondern will sie beschützen. Eine Geschichte könne Gewalt zeigen, ohne sie zu verherrlichen. Wenn der Stalker am Ende jedoch als idealer Liebhaber dastehe, entstehe Zweifel.

Einige Bücher spielten bewusst mit problematischen Machtverhältnissen, andere nutzten sexualisierte Gewalt vor allem zur Erzeugung erotischer Spannung. Das zugrundeliegende Rollenbild sei erstaunlich traditionell: Der Mann ist gefährlich und mächtig, die Frau blickt hinter seine Fassade und kann ihn verändern. Dies stehe im Kontrast zu aktuellen Diskursen über Gleichberechtigung und gesunde Beziehungen.

Auf BookTok könne das Verstörende sogar zum Verkaufsargument werden. Triggerwarnungen sollen eigentlich vor belastenden Inhalten schützen, lange Listen von Gewaltdarstellungen könnten aber auch neugierig machen. Je drastischer die Inhalte, desto interessanter erscheinen sie manchen Nutzern.

Besonders heibel wird dies, wenn ein sehr junges Publikum erreicht wird. Zwischen einer erwachsenen Frau, die bewusst eine düstere erotische Geschichte liest, und einer Dreizehnjährigen, die auf ein vermeintlich romantisches Buch stößt, bestehe ein großer Unterschied. Gerade bei Jüngeren sei es wichtig zu diskutieren, weshalb Kontrolle und Besitzdenken in einer Beziehung keine Liebesbeweise seien.

Franke schließt ihre Überlegungen mit der Feststellung, dass sie zwar nie ganz verstehen werde, warum ein Stalker für manche Frauen der perfekte fiktive Partner ist, dies aber auch nicht müsse. Sie wolle jedoch diskutieren, warum Gewalt in manchen Liebesromanen als Ausdruck besonderer Leidenschaft durchgehe. Die Fantasien der Leserinnen gingen sie nichts an, die Geschichten, die daraus gemacht würden, dürften kritisiert werden.

M.Odermatt--BTB