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Kreditversicherer: Erneuerbare entwickeln sich zum "strategischen Schutzschild"
Erneuerbare Energien wie Wind- oder Solarkraft schützen Deutschlands Energiewirtschaft nach Angaben des Kreditversicherers Allianz Trade zunehmend vor geopolitischen Verwerfungen und "Preisschocks" bei Öl und Gas. Zugleich seien Netze und Speicher weiter "das Nadelöhr der Energiewende", schränkte das auf die Absicherung von Kreditrisiken spezialisierte Unternehmen am Mittwoch ein. Zum wichtigsten Wachstumstreiber für die europäische Energiewirtschaft könnte demnach der rasante Ausbau von Rechenzentren für Künstliche Intelligenz (KI) werden.
Denn dadurch erhöhe sich die Stromnachfrage erheblich, was dem Ausbau erneuerbarer Energien "zusätzlichen Rückenwind" verleihen könne, erklärte Allianz Trade in Hamburg. Bereits im ersten Halbjahr 2026 deckten Erneuerbare demnach mit rund 58 Prozent den Großteil des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland. Parallel dazu seien die deutschen Nettostromimporte gegenüber dem Vorjahr um mehr als 85 Prozent auf nur noch etwas über eine Terawattstunde (TWh) gesunken - "dank der starken inländischen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien".
"Erneuerbare Energien sind heute weit mehr als ein Instrument zur Dekarbonisierung", erklärte der Chef von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Milo Bogaerts. "Sie entwickeln sich zum strategischen Schutzschild gegen geopolitische Schocks und die Volatilität fossiler Energieträger", führte er aus. "Die jüngsten Verwerfungen im Nahen Osten haben die Gaspreise erneut nach oben getrieben. Dass die Auswirkungen auf die europäischen Strommärkte dennoch deutlich begrenzter ausfielen als während der Energiekrise 2022 zeigt: Mit jeder zusätzlichen Kilowattstunde aus Wind- und Solarenergie ist Europa heute wesentlich widerstandsfähiger gegenüber abrupten und starken Ausschlägen der Energiepreise."
Die größte strukturelle Wachstumschance für die Energiebranche liegt dem Kreditversicherer zufolge im Aufbau einer europäischen KI-Infrastruktur. "Für Energieversorger eröffnet dies die Aussicht auf neue industrielle Grundlasten, langfristige Stromabnahmeverträge und zusätzliche Erlöspotenziale im Netz- und Speicherbereich", erklärte Allianz-Trade-Branchenexperte Guillaume Dejean. "Mit dem geplanten Aufbau einer europäischen KI-Gigafabrik könnte Deutschland seine Rolle als Energie- und Digitalstandort gleichermaßen stärken."
Allerdings gibt es dabei auch Einschränkungen: Bevor die Branche von zusätzlicher Nachfrage profitieren könne, seien "enorme Investitionen" in Netze, Speicher und digitale Infrastruktur nötig, erklärte Allianz Trade. "Netzengpässe und fehlende Speicherkapazitäten verhindern vielerorts, dass überschüssiger Strom wirtschaftlich genutzt werden kann", erläuterte Dejean. "Paradoxerweise geraten dadurch gerade jene Erlöse unter Druck, die für die Finanzierung der Energiewende benötigt werden."
Verwundbar bleibt Europa dem Kreditversicherer zufolge außerdem dadurch, dass fossile Energieträger und insbesondere Erdgas weiterhin die Strompreisbildung beeinflussen, "sodass geopolitische Krisen wie der aktuelle Nahostkonflikt auf die Energiemärkte durchschlagen können". Die "größte strategische Schwachstelle der europäischen Energiewende" ist demnach aber die Abhängigkeit von China - bei Solarmodulen, Batterien, Energiespeichern oder zahlreichen kritischen Vorprodukten. "Die jüngsten Misserfolge beim Aufbau einer heimischen Produktion durch inländische Akteure verstärken die Abhängigkeit vom Ausland", erklärte Allianz Trade.
Zentrales Element ist laut dem Kreditversicherer deshalb auch "die Sicherung von Lieferketten für Schlüsseltechnologien". Diese sei ebenso wichtig wie der Ausbau erneuerbarer Erzeugungskapazitäten selbst, erklärte Bogaerts. "Wie erfolgreich Europa seine Chancen nutzt, hängt maßgeblich davon ab, wie schnell diese Engpässe überwunden werden und wie schnell Europa in der Lage sein wird, bei kritischen Rohstoffen und Schlüsseltechnologien eigene Kapazitäten aufzubauen."
A.Gasser--BTB